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Klinische Forschung

Am Geldtropf der Pharmaindustrie

aus FAZ.net

Der Fortschritt in Diagnose und Therapie schreitet ungebremst voran. Er basiert auf einer finanzkräftigen Allianz zwischen Pharmaindustrie und Universitätsklinika. Doch diese hat hat nicht immer das Wohl des Patienten im Blick.

21.09.2014, von Peter Galle
 
© Merck Vergrößern Geduldsspiel: Bis ein neues Medikament auf dem Markt kommt vergehen viele Jahre.

Die Möglichkeiten der modernen Medizin sind enorm. Und sie wachsen beständig weiter. Erkrankungen wie Hepatitis C, früher therapeutisches Schreckgespenst für Patienten und Ärzte, werden zur Behandlungstrivialität. Was Ärzte früher aufwendig, nebenwirkungsreich und mit mäßigem Erfolg therapierten, ist bald mit einer Tablette täglich innerhalb von acht bis zwölf Wochen heilbar. Wunderbare neue Welt der Medizin! Ein kleiner Schönheitsfehler: Die Therapiekosten liegen aktuell bei 80 000 Euro pro Patient. Dieses Dilemma ist ein Kernproblem der Medizin des 21. Jahrhunderts. Die Schere zwischen Machbarkeit und Finanzierbarkeit wird immer weiter auseinanderklaffen.

Ist das alles sinnvoll?

Wir können immer mehr, wollen immer mehr und brauchen immer mehr: Der diagnostische und therapeutische Fortschritt ist unaufhaltsam, unsere Anspruchshaltung und unser Sicherheitsbedürfnis werden immer größer, und unsere altersbedingte Krankheitsanfälligkeit wächst ständig. Die Ära des entschlüsselten Genoms und der technologischen Machbarkeit bietet die Möglichkeit zur Heilung von bisher unheilbaren Leiden und zur Lebensverlängerung bei bisher tödlichen Krankheitsverläufen. Das kostet viel Geld. Aber sind die Möglichkeiten tatsächlich auch ein Fortschritt? Nicht alles, was möglich ist, ist auch sinnvoll. Und so stellt sich neben die Frage der Finanzierbarkeit des Machbaren die nach dem Patientennutzen und seiner Bewertungsgrundlage. Was hilft dem Patienten am Ende wirklich, wie und auf welcher Datengrundlage wird der Therapieerfolg bewertet?

Abhängigkeiten  und Vorbedingungen

Neuentwicklungen von Medikamenten und die Bewertung ihres klinischen Nutzens entstehen im Wesentlichen im Verbund von Universitätsklinika und Pharmaindustrie, da sie es zumeist sind, die Innovationen generieren und dann in klinischen Studien untersuchen. Dies wirft die Frage auf, ob diese Strategie ausreicht und ob beide Akteure ihren Rollen unter den aktuellen Bedingungen gerecht werden oder gerecht werden können.

Ärztliche Handlungsmöglichkeiten, Diagnosen und Therapien sind wesentlich durch die pharmazeutische und medizintechnische Industrie mitbedingt. Diese hat die technischen, personellen und finanziellen Ressourcen, um beispielsweise neue Substanzen auf den Markt zu bringen. Dabei ist der wesentliche Innovationsantreiber das Ziel, die Rendite zu steigern - für einen Wirtschaftsbetrieb ein legitimes Anliegen. In der klinischen Bewertung neuer Medikamente geht die pharmazeutische Industrie eine Allianz mit der Ärzteschaft ein, da nur so die Studiengrundlage zur Nutzenbewertung geschaffen werden kann. Diese Allianz ist von Abhängigkeiten und Vorbedingungen belastet, die einer objektiven Wissensvermehrung im Wege stehen können - das unternehmerische Interesse liegt nun einmal an der Zulassung eines Medikaments, was zu einer Anpassung des Studiendesigns auf eine Effektmaximierung führt. Andererseits werden Medikamenteninnovationen ohne Aussicht auf relevanten ökonomischen Erfolg nicht weiterverfolgt, obwohl sie relevanten Nutzen bringen könnten.

Investition in eine unabhängige Forschung

Die Bevölkerung nimmt das Dilemma der renditebezogenen Forschung wahr, wie man am Image der Pharmaindustrie ablesen kann: Nur 18 Prozent der Deutschen hielten in der im Jahr 2011 durchgeführten Markt-Gesundheitsstudie die Pharmaindustrie für vertrauenswürdig, nur 13 Prozent meinten, dass diese Branche den Patienten in den Mittelpunkt stellt. Offensichtlich ist es der pharmazeutischen Industrie nicht gelungen, ihren berechtigten wirtschaftlichen Interessen eine ausbalancierende, korrigierende Position gegenüberzustellen, die sich ausschließlich dem Patientenwohl verpflichtet fühlt.

Natürlich hat der Hersteller das Anliegen, dass sich etwa das neue Medikament Sovaldi zur Behandlung der Hepatitis C refinanziert, nachdem allein seine Akquise elf Milliarden Dollar verschlungen hat. Eine bessere Medizin erfordert aber darüber hinaus Investitionen in eine unabhängige Wissenschaft, um auch Untersuchungen zu wirtschaftlich weniger interessanten Therapieformen zu ermöglichen oder Vergleichsuntersuchungen anzustellen, die am Ende zum Nachteil eines Herstellers ausgehen können.

Versäumnisse in der Krankenhauspolitik

Universitätsklinika sind die „natürlichen“ Partner der pharmazeutischen Industrie. Ihre wissenschaftlich orientierte Medizin bietet die Landschaft für klinische Studien, sowohl in Eigenregie wie auch in der industriellen Partnerschaft. Gerade sie sind in der Lage, klinische Forschung unabhängig durchzuführen. Aber gilt das auch heute noch?

Universitätsklinika sind von derzeit politisch verordneten Sparauflagen besonders betroffen. Ihr Mehraufwand in Forschung, Lehre und Ausbildung ist in der Entgeltarithmetik nicht abgebildet. Für mehr als die Hälfte aller deutschen Universitätsklinika wird für dieses Jahr ein negatives Jahresergebnis von mehr als einer Million Euro erwartet. Der Verband der Universitätsklinika Deutschlands sieht als Ursache Versäumnisse in der Krankenhauspolitik des Bundes, die auf diese Besonderheiten der Kliniken nicht ausreichend Rücksicht nimmt, und fordert deshalb eine gesonderte Strukturförderung.

Im Alltag der Krankenhäuser führen die Sparauflagen zu einem besonderen Dilemma - einem Kampf zwischen Patientenversorgung und Forschungsaktivitäten. Dabei ist es unvermeidlich, dass die Forschung diesen Kampf verliert. Der Krankenversorgung sind als Anwälte der humanitäre Versorgungsanspruch und die Erträge des pauschalierten Abrechnungssystems DRG (Diagnosis Related Groups) beigeordnet, die Forschung ist hingegen weitgehend schutzlos.

Rendite ist nicht alles

Die vielbeschworene Trennungsrechnung, die die beiden Finanzierungsstränge für Forschung und Lehre sowie für Krankenversorgung separieren soll, geht in den kommunizierenden Röhren des Klinikalltags verloren. In vielen Universitätsklinika wird die defizitäre Krankenversorgung durch Mittel und Personal querfinanziert, die eigentlich für Forschung und Lehre vorgesehen sind. Das Ende vom Lied: Im klinischen Alltag fehlt die Kraft und im Etat das Geld, um eine unabhängige klinische Forschung zu ermöglichen.

Die medizinische Fortschrittsbewertung und damit auch der medizinische Fortschritt ist nur durch unabhängige klinische Forschung möglich. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) hat im vergangenen Jahr für unabhängige klinische Studien 10,1 Millionen Euro zur Verfügung gestellt, bei einer Gesamtförderung von 2,6 Milliarden Euro - ein Tropfen auf dem heißen Stein.

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Ein Fonds der pharmazeutischen Industrie zur unabhängigen klinischen Wissenschaft würde nicht nur die DFG entlasten, sondern auch dem Image der Pharmaindustrie guttun. Die Politik muss in dieses Segment massiv investieren und die Rahmenbedingungen in den Universitätsklinika anpassen, die pharmazeutische Industrie muss realisieren, dass auch sie über die Rendite hinaus Verantwortung dafür trägt.

Der Autor ist Facharzt für Innere Medizin, Gastroenterologe, Hepatologe am Universitätsklinikum Mainz.

Im klinischen Alltag fehlt die Kraft und im Etat das Geld für eine unabhängige Forschung.

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