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Herzmedikamente

Betablocker unter Verdacht

Sie zählen zu den am häufigsten verordneten Herzmitteln: Betablocker. Doch jetzt häufen sich Hinweise, dass sie bestimmten Gruppen kaum nutzen – oder ihnen sogar schaden.

02.10.2014, von NICOLA VON LUTTEROTTI   , aus der FAZ.NET
 
© DPAVergrößernZu häufig verschrieben?

Für die Betablocker, gängige Medikamente zur Blutdrucksenkung und Pulsverlangsamung, wird es eng: Zählten sie bis vor kurzem zu den weltweit am häufigsten verordneten Herzmitteln, befindet sich ihre Beliebtheit inzwischen im Sinkflug. Denn eine wachsende Zahl von Beobachtungen spricht dafür, dass ihr Nutzen deutlich begrenzter ist als bislang vermutet. So scheinen sie vielen Patienten entweder nicht zugute zu kommen oder sogar zu schaden. Einen solchen Verdacht nähren nun auch die Ergebnisse einer großen internationalen Studie, an der unter anderem deutsche Forscher mitgewirkt haben.

Die Versuchsteilnehmer des Projekts mit dem Akronym Charisma, rund 15000 durchschnittlich 64 Jahre alte Männer und Frauen, waren in erheblichem Maße von gerinnselbedingten Gefäßverschlüssen, etwa Herzinfarkten und Hirnschlägen, bedroht. Denn sie wiesen meist mehrere das Herzkreislaufsystem schädigende – sogenannte kardiovaskuläre – Risikofaktoren auf, darunter hohen Blutdruck, zu viel Cholesterin im Blut und Typ-2-Diabetes. Etliche Probanden hatten zudem bereits einen Herzinfarkt, einen Schlaganfall oder einen Arterienverschluss in den Beinen erlitten oder sich wegen schmerzhafter Gefäßverengungen einem Eingriff unterzogen. Patienten mit Herzschwäche, einer Herzinsuffizienz, wurden in der Studie nicht berücksichtigt. Denn solche Betroffene profitieren nachweislich von einer Behandlung mit Betablockern.

Günstig für Herzinfarkt-Patienten

Wie Sripal Bangalore vom Cardiovascular Clinical Research Center in New York City und die anderen Forscher im Fachblatt „Circulation Cardiovascular Quality Outcomes“ vom 30. September berichten, hatten rund 6600 Probanden einen Betablocker erhalten und die übrigen nicht. Die Wirkung der Mittel war dabei sehr durchwachsen. Als durchweg günstig erwies sich die Betablocker-Therapie für Patienten, die schon einmal einen Herzinfarkt erlitten hatten. Zwar nahm die Wahrscheinlichkeit, im Verlauf der zweijährigen Versuchszeit zu sterben, dabei nicht ab, wohl aber die Gefahr, erneut Opfer einer Herzattacke zu werden. Den anderen Patientengruppen brachte die Anwendung der Herzmittel demgegenüber keinen Nutzen. Zumindest nicht schädlich war sie für Personen mit vorhergehendem Hirnschlag oder thrombotischem Beinarterienverschluss. Demgegenüber ging sie bei Probanden, die von solchen Erkrankungen anfänglich verschont geblieben waren, mit einem erhöhten Risiko für Hirnschläge einer.

Ob es sich dabei um einen kausalen Zusammenhang handelt, die Betablocker also ursächlich für die erhöhte Zahl an Schlaganfällen waren, bleibt offen. Einige Beobachtungen legen einen solchen Verdacht tatsächlich nahe, andere hingegen nicht. So kommen Autoren der Cochrane Collaboration nach Auswertung der Daten mehrerer einschlägiger Studien zu dem Schluss, dass die Anwendung von Betablockern vor chirurgischen Eingriffen die Patienten einem erhöhten Risiko für Hirnschläge und tödliche Komplikationen aussetzt – allerdings nur, wenn die Operation nicht am Herzen erfolgt. Wie zudem aus einer älteren Studie hervorgeht, sind Betablocker weniger gut in der Lage als Angiotensin-Antagonisten, Patienten mit hohem Blutdruck, einer Hypertonie, vor Hirnschlägen zu schützen. Die Ergebnisse anderer einschlägiger Studien zeichnen zwar ein positiveres Bild. Dennoch gehören die Betablocker in den aktuellen Hypertonie-Therapieleitlinien der Vereinigten Staaten und jenen Großbritanniens nicht mehr zu den Blutdrucksenkern der ersten Wahl – aufgrund der unklaren Datenlage, wie es dort heißt. Nicht so weit gegangen sind die europäischen Fachgesellschaften für Hypertonie und Kardiologie, zumindest vorläufig.

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Dass die Betablocker inzwischen vermehrt in der Diskussion stehen, hat unter anderem folgenden Grund: Die meisten Studien, in denen diese Medikamente eingehend geprüft wurden, stammen aus einer Zeit, als viele der heute gebräuchlichen Herzkreislaufmittel noch nicht zur Verfügung standen. Wie Christian Hamm vom Herz und Thorax-Zentrum der Kerckhoff-Klinik in Bad Nauheim sagt, wurden Betablocker „früher sicherlich zu großzügig verschrieben“. Möglicherweise sei das aber auch heute noch der Fall. Bei der Hochdruckbehandlung rückten die Betablocker allerdings zunehmend in die zweite Reihe. Eine wachsende Rolle spielten, neben den ACE-Hemmern, dabei die Angiotensin-Antagonisten. Denn diese stünden mittlerweile nicht mehr unter Patentschutz und seien daher kostengünstig. „Die Betablocker sind aber nach wie vor Teil der Therapiepalette“, sagt der Kardiologe. Auch behielten sie ihren Platz bei der Herzinsuffizienz. Besonders bewährt haben sie sich demnach bei Patienten, deren Herzschwäche die Folge eines Infarkts ist.


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