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Die Pharmaindustrie – schlimmer als die Mafia?

von René Graeber

Überraschung! Die Online-Ausgabe der „Süddeutsche.de“ bringt ein Interview mit einem dänischen Arzt und Wissenschaftler, Dr. Peter Christian Götzsche, das „sich gewaschen hat“.

pharma-mafia

Denn die Süddeutsche ist nicht unbedingt ein Blatt, dass etablierte Politik und Medizin kritisiert oder auch nur ansatzweise in Frage stellt. Dementsprechend „harmlos“ fängt der Artikel dann auch an:

 

Die Pharmaindustrie ist schlimmer als die Mafia. Nach dieser unheilvollen Überschrift schlägt der Autor des Artikels zartere Töne an, die mich an die süßen Vorurteile aus dem Hause „Märchen für Erwachsene“ erinnern. Denn er schreibt:

Wer wünscht sich nicht ein langes, gesundes Leben? Die Pharmaindustrie entwickelt, testet und vertreibt die Mittel, die das gewährleisten sollen.

Wer so etwas behauptet, der glaubt auch noch an den Klapperstorch, und dass dieser das Christkind bringt. Es gibt keinen wissenschaftlichen Nachweis für eine lebensverlängernde Wirkung von Medikamenten, nicht einen Einzigen! Bestenfalls kann ein Medikament, wenn es wirklich gut ist, ein frühzeitiges Ableben verhindern. Aber es ändert nichts an der biologischen Lebenserwartung. Die einzigen wissenschaftlichen Belege für eine Lebensverlängerung gibt es für das Fasten bei einer Reihe von Tieren. Es gibt noch keine eindeutigen Hinweise, dass das auch beim Menschen funktioniert. Dafür gibt es aber mehr als genug Hinweise, die die gesundheitlichen Vorteile des Fastens belegen: Richtig Fasten und Gesund Heilfasten.

Zurück zum Artikel. Die SZ (Süddeutsche Zeitung) fängt das Interview mit der Entdeckung des letzten Jahres an, „dass eine Firma in Indien Daten gefälscht hat, um Studien für internationale Pharmakonzerne besser aussehen zu lassen.“ Worum es hier geht, hatte ich in einem Beitrag Ende letzten Jahres diskutiert: Pharmaskandal – Gefälschte Arzneimittelstudien durch GVK Bio? Die Antwort von Dr. Götzsche ist eine Aufzählung von Firmen, die trotz ihrer angeblich hohen ethischen Standards es sich nicht haben nehmen lassen, ihre Produkte illegal zu vermarkten. Dazu gehörten auch nicht zugelassene Mittel oder aber die allseits beliebte „Off-Label“-Anwendung, bei der ein zugelassenes Medikament bei Indikationen zum Einsatz kommt, für die es keine Zulassung hat. Die Namen der Firmen stehen da und die Strafzahlungen, die sie haben leisten müssen. Die Summen, die da aufgezählt werden, sind gewaltig. Aber in der Realität sind sie ganz normale Ausgaben für die betroffenen Firmen – kein Problem für sie. Denn am Beispiel Eli Lilly, das für sein Antipsychotikum Zyprexa einen „Off-Label“-Einsatz bei Demenz, Alzheimer und Depression ohne Zulassung dafür empfohlen hatte, sieht man, dass die Strafe dafür mit 1,4 Milliarden Dollar wegen „illegaler Vertriebsmethoden“ zwar gewaltig ausfällt. Aber zur gleichen Zeit hatte der Konzern mit dem Mittel schon 39 Milliarden Dollar verdient.

Für Dr. Götzsche hat dieses Vorgehen nichts mehr mit „Einzelfällen“ zu tun, sondern er bezeichnet das als „organisierte Kriminalität“ und die „Straftaten erfüllen die Kriterien für das organisierte Verbrechen, deshalb kann man von Mafia reden.

Auf die Firma Roche und Tamiflu angesprochen gibt er fast genau das zum Besten, was ich seinerseits in ein paar Artikeln auch zum Ausdruck gebracht hatte, wie Die Tamiflu-Lüge oder Pharmafirmen sollen Studiendaten offenlegen: Die Daten der Firma zum Medikament sind nicht umsonst so lange unter Verschluss gehalten worden, da sie manipuliert waren und sein mussten, da das Zeug nichts taugt – vereinfacht beschrieben. Das, was Roche seinerzeit publiziert hatte, waren Phantasiedaten, die das Medikament erst verkaufsfähig gemacht hatten, sonst nichts.

Auf die Frage, ob es sich nicht doch nur um Einzelfälle handelt, gibt der dänische Doktor eine bemerkenswerte Antwort. Er gibt zu, dass es kritische Stimmen auch in der Pharmaindustrie gibt, die sich gegen solche Machenschaften richten, besonders unter den Wissenschaftlern dort. Aber (und jetzt kommt’s): Die haben nichts zu sagen!

Die Entscheidung wird vom Management gefällt. Und hier zählt der Umsatz, nicht die Wissenschaft. Darum gibt es so viele Beispiele dafür, dass Unternehmen „Mittel auf den Markt gedrückt haben, obwohl sie schädlich und für viele Patienten sogar tödlich waren.“ Damit ist auch die Frage nach dem „Einzelfall“ geklärt. Es gibt Einzelfälle. Aber die scheinen auf der anderen Seite des Zauns zu gedeihen, wo man mal wirklich evidenzbasiert nützliche Sachen produziert, ohne den Zaster im Auge zu haben.

Als Beispiel nennt er die Spitze des Eisbergs: Vioxx, Avandia, Celebrex, Schlankheitspillen, Epilepsiemedikamente, Antidpressiva, Antibiotika und so weiter. Für ihn steht fest, dass Millionen von Toten auf das Konto dieser Medikamente gehen, die leichtfertig von deren Herstellern in Kauf genommen wurden. Apropos Antibiotika: Da fällt mir sofort die Gruppe der Fluorchinolone ein – unglaublich! Mehr dazu im Beitrag: Fluorchinolone – Ein ärztliches Rezept für Desaster.

Auch Kinder genießen keinen Schutz vor diesen Machenschaften. Antidepressiva werden ohne Zulassung für Kinder angepriesen, obwohl Jugendliche und Erwachsene unter den Präparaten schon zu einer erhöhten Suizidneigung tendieren.

Auf die Frage, ob es nicht doch Medikamente gibt, die der Gesundheit und einer hohen Lebenserwartung dienen, antwortet Dr. Götzsche, dass es einige gibt, die aber in die Kategorie „Einzelfall“ gehören. Er sagt:

Aber im Verhältnis zu der Menge der Mittel, die verschrieben werden, profitieren nur wenige Menschen tatsächlich davon. Weil Kranken viel zu häufig Arzneien verschrieben werden. Weil die Firmen sogar wollen, dass auch gesunde Menschen ihre Mittel nehmen.

Der letzte Satz zeigt haargenau, wie die pharmazeutischen Unternehmen ticken. Es gibt weder evidenzbasierte, noch wissenschaftliche Hinweise darauf, gesunde Menschen mit Chemie vollzustopfen und dann Gesundheit zu erwarten. Vielmehr werden hier Märchen aufgetischt, die zu nichts anderem taugen als den damit verbundenen Umsatz in die Höhe schnellen zu lassen. Eine andere Form, mehr Menschen, gesunde und kranke, mit mehr Medikamenten zu versorgen, ist die Neudefinition von Grenzwerten, wie bei Bluthochdruck, Cholesterin usw.

Darum kommt Dr. Götzsche auch zu dem Schluss, dass „wir uns 95 Prozent des Geldes sparen können, das wir für Arzneien ausgeben, ohne dass Patienten Schaden nehmen. Tatsächlich würden mehr Menschen ein längeres und glücklicheres Leben führen können.“ Besser hätte ich meine Meinung auch nicht zusammenfassen können.

Unterstützt wird dieses Trauerspiel von einer signifikanten Zahl der hoch verehrten Ärzteschaft und der Politik, wie zum Beispiel den Zulassungs- und ähnlichen Gremien. Laut Dr. Götzsche werden bei der amerikanischen FDA „werkseigene“ Wissenschaftler unter Druck gesetzt und überwacht, dass sie weder in der Behörde, noch außerhalb sich zu unliebsamen Äußerungen und Forderungen hinreißen lassen, und wenn sie noch so berechtigt seien. So viel zu einem Land, das die Freiheit für sich patentiert hat. Der freiheitliche Impfzwang im Land der Freiheitsflegel gehört in die gleiche Kategorie.

Auch die Frage nach den Studien beantwortet Dr. Götzsche so, als wenn er meine Beiträge dazu gelesen hätte, (Man glaubt es kaum: Erfundene Arzneimittelstudien; Die “bösen Buben” der Pharmaindustrie beim Schummeln erwischt und so weiter) vor allem auch den Wissenschaftsreport. Es ist heute eine Art „offenes Geheimnis“, dass von Firmen unterstützte oder von ihnen selbst durchgeführte Studien fast immer zu einem super vorteilhaften Ergebnis kommen im Vergleich zu denen, die von unabhängigen Instituten durchgeführt werden. Damit ist ihr Charakter auch klar: Hier wird die Wissenschaft zum Werbeträger degradiert. Ähnliche Tendenzen zeigen sich seit geraumer Zeit auch bei den Fachjournalen ab. Die sind von den Zuwendungen der Pharmaindustrie abhängig und verhalten sich dementsprechend. Dr. Séralini weiß ein Lied davon zu singen.

Zur Frage der Meta-Analysen kritisiert er (an anderer Stelle), dass viele dieser Arbeiten an „Datenextraktionsfehlern“ leiden. Das heißt nichts anderes als das, was ich in diesem Zusammenhang so oft vermerkt habe: Bei Meta-Analysen sind Tür und Tor offen für die gezielte Selektion von Daten, die das beweisen, was ich bewiesen haben will. Andere Daten werden ignoriert.

Was empfiehlt der dänische Doc?

Eine Revolution im Gesundheitswesen, unabhängige Medikamententests, Offenlegung der Studiendaten (auch wenn sie nicht so gut ausfallen), ein Ende der Bestechlichkeit der Ärzteschaft mit Reisen, Essen und finanziellen Vergütungen für lächerliche, pseudowissenschaftliche Praxisstudien (die die Firma im Reißwolf verschwinden lässt), ein Verbot von Werbung für Medikamente, die oft genauso tödlich sind wie Zigaretten, für die es aber inzwischen auch ein Werbeverbot gibt.

Vielleicht wachen ja noch mehr Patienten auf und wenden sich von der Symptom-Abstellung und “Medikamentenpraxis” endlich ab – hin zu einer echten Naturheilkunde (siehe auch mein Interview zur Naturheilkunde und Alternativmedizin). Ach ja: Und bevor ich jetzt wieder Leserbriefe und Kommentare nach dem Motto bekomme: “Einen offenen Bruch wollen sie wohl mit Heilkräutern behandeln?”, sage ich gleich: Nein das will ich nicht. Wir wollen hier mal nicht albern werden…


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