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Schwankender Blutdruck und seine noch schwankendere evidenzbornierte Behandlung

von René Graeber

Aus der Schweiz kommt eine fast als unglaublich zu benennende Kunde:Ärzte erhöhen Schwelle für Blutdruck-Medikamente. Vor vier Jahren hatte ich zu diesem Thema einen Beitrag gebracht: Blutdruck und seine Normwerte. Schon zu diesem Zeitpunkt war die Gleichmacher-Regel – 120/80 mmHg ist der goldene Standard für jedes Alter – schon unter Beschuss. Aber für die schulmedizinischen Koryphäen sind solche einfach zu handhabenden Grenzwerte schon evidenzbasierte Wissenschaft, als wenn Wissenschaft so einfach wäre.

Ein Jahr später, also 2012, zogen die Wissenschaftler des Cochrane Instituts nach. Was sie herausfanden, war eine empfindliche Ohrfeige für den Anspruch der Evidenzbasiertheit seitens der Schulmedizin im Bezug auf die Behandlung von Bluthochdruck. Denn die ehemals gepriesenen Cochrane Leute behaupteten: Benefits of antihypertensive drugs for mild hypertension are unclear. Wurde eine Cochrane Arbeit über Vitamine und deren mögliche schädlichen Wirkungen von der Schulmedizin als der Beweis schlechthin angesehen, dass nur rezeptpflichtige Chemie heilen kann und die Natur nur Ungemach für uns alle in petto hat, stürzte sich eigenartigerweise niemand von der Schulmedizin auf diese Cochrane Arbeit, die nicht weniger „evidenzbasiert“ als die Vitamin-Meta-Analyse ist. Aber was genau sagt diese Meta-Analyse aus, die von der Schulmedizin so schamhaft verschwiegen wird?

Die Meta-Studie mit dem Mega-GAU-Ergebnis

Kurz und knapp: Die anti-hypertensive Behandlung von Patienten mit leichter Hypertonie (Stadium 1) zeigt keinen Nutzen. Was heißt das? Und was heißt „leichte Hypertonie“?

Insgesamt wurden die Daten von vier randomisierten, doppelblinden, Plazebo kontrollierten, klinischen Studien nachanalysiert. Diese vier Studien umfassten 8912 Patienten mit „leichtem“ Bluthochdruck. Dies sind Patienten mit einem Blutdruck, der zwischen 140 und 159 mmHg systolisch und 90 und 99 mmHg diastolisch liegt. Man beachte hier, dass man hier bereits weit von der „Gold-Regel“ von 120/80 mmHg entfernt ist. Diese Patienten wurden über einen Zeitraum von vier bis fünf Jahren behandelt. Ergebnis: Keine Reduktion der Mortalität aufgrund der Behandlung, keine Reduktion der koronare Herzkrankheit und der Schlaganfälle. Patienten mit einer zuvor bestehenden kardiovaskulären Erkrankung waren allerdings von der Erhebung ausgeschlossen worden.

Kommentar der Autoren: Es ist notwendig, dass es zu einem dramatischen Umdenken bei der Behandlung der leichten Hypertonie seitens der Schulmedizin kommt. Diese Patienten sollten ihre Blutdruckpillen fortwerfen und stattdessen weitaus effektivere Maßnahmen zur Blutdruckkontrolle ergreifen. Und das sind laut Meinung der Autoren: Körperliche Bewegung, kein Rauchen, ausgewogene und gesunde Ernährung wie sie zum Beispiel bei der Mittelmeer-Diät gegeben ist (aus British Medical Journal: Cochrane review finds no proved benefit in drug treatment for patients with mild hypertension).

Die hauseigene Veröffentlichung der Ergebnisse zieht noch einige weitere Gesichtspunkte mit hinzu: Eine Behandlung dieser Patienten hat wichtige Konsequenzen für Patienten und Kassen. Patienten haben sich mit unangenehmen Ereignissen auseinanderzusetzen, wie Nebenwirkungen, eine lebenslange medikamentöse Therapie, deren Kosten und so weiter. Die Kassen bezahlen ganz oder teilweise die Medikamente, die Arztkosten, Labor und so weiter. Und dieser ganze Aufwand für nichts und wieder nichts. Und in Sachen Nebenwirkungen verhält es sich so, dass in den untersuchten Studien rund 9 Prozent der Patienten die Therapie wegen der Nebenwirkungen vorzeitig abbrechen musste.

Zeitgleich ist eine weitere Meta-Analyse von Cochrane herausgebracht worden, die den Einsatz von Betablockern bei Hypertonie beurteilt (Beta-blockers for hypertension). Vor rund 30 Jahren galten Betablocker noch als Mittel der ersten Wahl bei der Hypertonie. Und Leben sollten sie angeblich gerettet haben, und Herzinfarkte verhindert, so dass man geneigt war, eine Petition aufzusetzen, Betablocker ins Trinkwasser zu geben. Die Cochrane-Autoren jedoch kommen zu einen ganz anderen Ergebnis. Sie sagen, dass Betablocker auf keinen Fall als Mittel der ersten Wahl anzusehen sind. Warum? Im Vergleich zu Plazebo haben sie einen ähnlich guten beziehungsweise schlechten Einfluss auf Schlaganfälle und keinen Effekt auf die Mortalität und koronare Herzkrankheit. Plazeboeffekt gefällig? Dann nehmen Sie einen Betablocker. Oder gleich ein homöopathisches Präparat? Das hat wenigstens keine so hohen Nebenwirkungen wie die Betablocker. An dieser Stelle verstehe ich noch weniger, warum man bei der Schulmedizin so gegen den Plazeboeffekt der Homöopathie argumentiert, wo sie doch selbst Medikamente als Mittel der ersten Wahl einsetzt, die nichts als einen Plazeboeffekt ausüben. Jedoch scheint die Homöopathie nur der Leer-Meinung der Schulmedizin nach eine Plazebo-Behandlung zu sein. Denn die Studienlage hier spricht immer mehr von einer guten Wirksamkeit, wenn man sie richtig einsetzt: Wirkung der Homöopathie undKritik an der Homöopathie.

Weiter im Text. Die Autoren fragten sich, ob andere Antihypertensiva einen ähnlich schlechten Effekt bei der Behandlung aufwiesen wie die Betablocker. Ergebnis: Aus 13 Studien ließ sich entnehmen, dass Betablocker als Mittel der ersten Wahl bei Hypertonie einen schlechteren Effekt hatten als andere Antihypertensiva, wie Diuretika, Calcium-Blocker, ACE-Hemmer etc.

Wenn man solche „Schauermärchen“ der Schulmedizin liest, dann drängt sich sofort der Wunsch auf, einmal einen direkten Vergleich von Betablocker und Homöopathie in Sachen Hochdruck, koronare Herzkrankheit, Schlaganfälle und so weiter durchzuführen. Das dies noch nie geschehen ist halte ich nicht für einen puren Zufall. Die Damen und Herren von der Schulmedizin wissen warum: Das geheuchelte Desinteresse daran und die Ausrede von der Evidenzbasiertheit sind nichts anderes als die Angst vor dem Vergleich, der vielleicht (= mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit) ins Auge gehen kann. Denn dieses ewige Hin und Her mit den Leitlinien und Therapieempfehlungen deutet auf alles andere als auf Evidenzbasiertheit hin. Und falls Sie glauben, dass Leitlinien Produkt hochwissenschaftlicher Bemühungen der Schulmedizin sind, wo es vor Evidenzbasiertheit hinten und vorne nur so kracht, dann erzähle ich Ihnen jetzt einmal ein evidenzbasiertes Märchen von der Bedeutung solcher Linien: Medizinische Leitlinien – Gefährliche “Leitplanken” im Medizinverkehr.

. . . es war einmal

Für dieses Märchen gehen wir nochmal kurz zurück zur „Hiobsbotschaft“ aus der Schweiz. Denn hier erfahren wir nicht nur, dass die alten Grenzen mal wieder verschoben worden sind, was auch höchste Zeit wurde. Wir erfahren auch etwas über die Geschichte dieser Grenzwerte und wie sie entstanden. Spätestens hier sollte allen klar werden, warum diese Grenzwertbestimmung nichts mit Wissenschaft und Evidenzbasiertheit zu tun haben kann.

Denn bei den Schweizern lesen wir, dass die Grenzwerte (zumindest für die Schweiz) von der Schweizerischen Hypertonie-Gesellschaft ermittelt wurden und werden. Deren Sekretariat aber wird von der Firma Roche betrieben, die an einem schön niedrigen Grenzwert interessiert ist, um so möglichst viele behandlungsbedürftige Kunden zu schaffen. Wir erfahren, dass die Festlegung des behandlungsbedürftigen Grenzwerts von 140/90 mmHg der Pharmaindustrie und den Ärzten auf einen Schlag die Zahl der Kunden verdoppelte. Schmackhaft gemacht werden solche Neubestimmungen mit folgenden Argumenten, die vor „Wissenschaftlichkeit“ und „Evidenzbasiertheit“ nur so strotzen:

„Die Pharmafirmen hätten sich damals keinen besseren Werbespot erträumen können als die fette Blick-Schlagzeile: «Bluthochdruck: 1 Million Schweizer in Gefahr». Die «Ahnungslosen» würden «dringend» Medikamente brauchen. Denn schon «kleine Abweichungen» vom idealen Blutdruck seien »schädlich»“.

Mit Verlaub, mit Wissenschaft macht man keine Milliardenumsätze. Mit der Angst der Menschen dagegen sind schon ganz andere Sachen gemacht worden – unter anderem Milliardenumsätze.

Und damit man von Seiten der Pharmaindustrie sichergeht, dass alles so läuft wie man es sich vorgestellt hat, werden Gelder locker gemacht, die die Weichen (= Richtlinien) in die richtige Richtung stellen. Novartis, Merck und Sankyo bestachen die ärztliche Fachgesellschaft mit 75.000 Dollar und zahlten nochmals 700.000 oben drauf, um sicherzustellen, dass die neuen Richtlinien auch an den Mann = Arzt gebracht wurden. Von Seiten Novartis jedoch sah man in den Zahlungen keinen „Interessenskonflikt“ beziehungsweise „unangebrachten Einfluss“. Wirklich nicht? Warum zahlt man denn für etwas, was ohne Einfluss ist? Jeder Betrieb will seine Investition wieder zurückholen, am besten doppelt und dreifach. Die Pharmaindustrie entblödet sich auch hier wieder einmal, auf platte und dümmliche Märchen zurückzugreifen und dabei die Intelligenz der Menschen zu beleidigen.

Darum kommt das nächste Märchen auf dem Fuß, nämlich das Märchen von der „forschenden Pharmaindustrie“. Es kann ja gut sein, dass sie forscht. Aber wonach? Wie man seine Umsätze vermehren kann ohne entsprechende Gegenleistungen zu bringen? Für mich jedenfalls investiert keine Forschungsfirma 30 bis 35 Prozent des Umsatzes ins Marketing und nur 13 Prozent in Forschung und Entwicklung.

Fazit

Die Schulmedizin wird wieder einmal von ihren eigenen Forderungen auf der Standspur überholt. Wenn wir nach einem nicht evidenzbasierten Medizinsystem suchen, dann ist die Schulmedizin im Vergleich zu vielen Disziplinen der Alternativmedizin der einsame Spitzenreiter. Aber wie so vieles im Leben gibt es auch hier Ausnahmen. Die Notfallmedizin zum Beispiel würde ich hier als lobenswerte Ausnahme bezeichnen. Aber die geben auch keine Richtlinien für die Behandlung eines Blutdruckwerts von 141/92 heraus. Und Medikamente in der Notfallmedizin sind keine Dauermedikationen – meistens jedenfalls nicht. Wer sich aber vertrauensvoll auf die Empfehlungen der Schulmedizin in Sachen Krebs-, Diabetes-, Hochdruck- etc. Therapie verlässt, der könnte Gefahr laufen, eines Tages ein Fall für genau diese Notfallmedizin zu werden.


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