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Kein Fortschritt bei Transparenz

21 Millionen Euro haben Pharmafirmen 2016 an österreichische Ärzte gezahlt. Sponsoring durch Unternehmen ist auch an den Universitäten üblich: Spitzenreiter ist die MedUni Wien. Während sich Organisationen oft nennen lassen, lehnen das Ärzte nach wie vor meist ab.

Die Mitglieder des Verbands der Pharmazeutischen Industrie sind eine stetig sprudelnde Geldquelle im österreichischen Gesundheitssystem. Letztes Jahr flossen insgesamt 90 Millionen Euro - der Betrag teilt sich in zwei große Bereiche: Forschung und Entwicklung mit 34 Millionen Euro sowie Honorare für Vorträge und Beratungen, Sponsoring für Kongressreisen, Unterstützung für Veranstaltungen sowie Spenden mit insgesamt rund 56 Millionen Euro. Dieser Teil ging an Organisationen und medizinische Einrichtungen - sowie direkt an Ärztinnen und Ärzte.

1,8 Millionen Euro an MedUni Wien

Bei den Organisationen liegt an erster Stelle die Medizinische Universität Wien, die auch abseits der gemeinsam mit der Industrie durchgeführten Forschungsprojekte knapp 1,8 Millionen Euro bekommen hat. Die Universität betreibe sehr aktives Fundraising, so Rektor Markus Müller - und da bemühe man sich auch um Geld von Pharmafirmen: „Wir haben mit der Firma Merck eine Kooperation gestartet, wo wir einen Hörsaal auch PR-mäßig gebrandet haben.“ Für das „Emanuel Merck Auditorium“ bekommt die Universität 16.000 Euro jährlich.

Pharmarecherche

ORF, die Tageszeitung „Der Standard“ und das gemeinnützige Recherchezentrum Correctiv.org haben die Offenlegungen 2016 analysiert und in eine Datenbank eingespeist. Die Datenbank steht der Öffentlichkeit zur Verfügung.

Debatte:

Pharmaindustrie und Ärzte: Wo verläuft die moralische Grenze?

An zweiter und dritter Stelle liegen zwei europäische Organisationen für innere Erkrankungen, die beide ihren Sitz in Wien haben. Die Gesellschaft für Gastroenterologie (UEG) hat für eine Million Euro Ausstellungsfläche im Rahmen des wissenschaftlichen Jahreskongresses verkauft. Mit dem Geld wird zum einen der Kongress finanziert, zum anderen Weiterbildung während des Jahres, so UEG-Direktorin Doris Möstl: „Damit finanzieren wir den Veranstaltungsort, die Technik und die Reisen der jungen Ärzte.“

21 Millionen direkt an Ärzte

Direkt an Ärztinnen und Ärzte sind 21 Millionen Euro geflossen - für Vorträge, Beratungen und die Mitarbeit in Beiräten. Das höchste Einzelhonorar ging mit rund 28.000 Euro an Thomas Grünberger, Abteilungsvorstand an der Rudolfstiftung in Wien.

Auf Anfrage von Ö1 schreibt er: „Ich bin aufgrund meiner Expertise auf dem Gebiet des fortgeschrittenen Dickdarmkrebses an vielen ausländischen Zentren als Sprecher gefragt.“ Er sei „der Pharmaindustrie dankbar, dass sie diese Wissensverbreiterung unterstützt“. Die Honorare verwende er für Studien, Meetings mit internationalen Sprechern sowie zur Unterstützung des wissenschaftlichen Nachwuchses.

Insgesamt schwanken die jährlich durch Tätigkeiten für die Pharmaindustrie bezogenen Honorare (alle Zahlungen mehrerer Firmen pro Person zusammengerechnet) zwischen weniger als 100 und mehr als 60.000 Euro - zumindest bei jenen Zahlungen, deren Veröffentlichung die Ärztinnen und Ärzte zugestimmt haben. Denn mehr als 80 Prozent geben „Unbekannt“ an, weil die Empfänger der Veröffentlichung nicht zustimmen. Im Vergleich zum Vorjahr stagniert die Offenlegungsrate damit auf niedrigem Niveau.

Firmen legen unterschiedlich offen

Ö1 Sendungshinweis:

Über das Thema berichtet auch das Morgenjournal um 8 Uhr am 12.7.2017.

Die Offenlegungsraten pro Firma sind sehr unterschiedlich, wie die Auswertung von ORF, „Der Standard“ und Correctiv.org zeigt. Unter den zehn Firmen, die die höchsten Zahlungen an Privatpersonen leisten, erreichen nur zwei eine Offenlegung über einem Viertel der Gesamtzahlungen (siehe Grafik oben).

Zwölf Unternehmen schildern keinen einzigen Empfänger individuell aus, drei von ihnen (Ferring ArzneimittelGE Healthcare und Actelion Pharmaceuticals) überwiesen mehr als 100.000 Euro an Ärzte.

Inwieweit Honorare von Pharmafirmen das Verhalten von Ärztinnen und Ärzten beeinflussen, ist umstritten. Die Betroffenen selbst weisen eine Einflussnahme stets von sich. Eine deutsche Studie kam allerdings zu dem Schluss, dass Mediziner, die mehr Pharmareferenten empfangen, mehr Medikamente verschreiben. Experten fordern deshalb schon länger analog zu den USA eine gesetzliche Pflicht für Pharmaunternehmen, alle Zahlungen offenzulegen.

Für Ärztinnen und Ärzte, die keine Honorare der Pharmaindustrie beziehen, hat Correctiv.org eine Möglichkeit geschaffen, sich in eine öffentliche Liste eintragen zu lassen. In Deutschland haben diese Möglichkeit in den knapp zwei Monaten seit der Gründung rund 700 Ärzte genutzt.

Elke Ziegler, Ö1 Wissenschaft

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