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Das große Mammografie Geschäft

von René Graeber

Manchmal denke ich: Das kann doch alles gar nicht sein. Es ist kaum zu fassen; man glaubt seinen Augen nicht mehr trauen zu können. Und dann kommt da wieder ein Thema daher, von dem man kaum etwas erfährt.  Lediglich die Online-Ausgabe der Süddeutschen Zeitung brachte drei Artikel dazu innerhalb von weniger als 48 Stunden: „Pfusch bei Mammografien im Ruhrgebiet “, „Das lukrative Geschäft mit der Brustkrebsvorsorge“ und „Mammografie-Skandal im Ruhrgebiet – Gravierende Mängel“.

 

In allen drei Artikeln geht es um einen Essener Radiologen und sein Diagnosezentrum, bei dem es zu „Fehldiagnosen“ und „Schlampereien bei der Gewebeentnahme“ gekommen ist. Die aufgeführten Missstände waren den zuständigen Institutionen und Krankenkassen schon seit 2010 bekannt. Es waren immerhin Essener Ärzte, die auf die Missstände hingewiesen hatten. Die Reaktion folgte dann auch auf dem Fuße: Dem Diagnosezentrum wurde die Genehmigung entzogen – und das sogar zweimal. Aber der wackere Radiologe schien sich um die fehlende Genehmigung nicht sonderlich zu kümmern. Denn auch nach dem Entzug der Lizenz wurden in seinem Zentrum mehr als 30.000 Frauen untersucht.

Mammografie Untersuchung

Wie es aussieht, ist es in Deutschland möglich, in der Schulmedizin auch ohne Lizenz so weiterzumachen, wie zuvor. Denn der Radiologe, dem die Lizenz entzogen worden war, ging vor Gericht, klagte und stützte sich auf die aufschiebende Wirkung bis dass ein endgültiges Urteil seitens des Gerichts ausgesprochen werden sollte. Und da über den ersten Lizenzentzug beziehungsweise den Einspruch des Radiologen dagegen noch nicht entschieden worden ist, seit 2010, sah der Arzt sich befugt, genauso weiterzumachen wie bisher. Das ist etwa so, als wenn ich alkoholisiert beim Fahren erwischt werde, gegen den Führerscheinentzug bei Gericht klage und dann weiter saufe und Auto fahre, weil es noch kein Revisionsurteil gibt. Es ist klar, dass alkoholisierte Verkehrsteilnehmer eine Gefahr für alle sind. Und daher ist es richtig und gut, wenn ein Fahrverbot mit sofortiger Wirkung in Kraft tritt und nicht erst nach etlichen Jahren. Aber in der Schulmedizin scheint diese Logik zu versagen. Hier können „besoffene Therapieverfahren“ am Medizinverkehr teilnehmen, gleichgültig ob hier das Leben und die Gesundheit der Patientinnen auf dem Spiel steht.

Der zweite Lizenzentzug erfolgte im April 2013. Hier wurde als Grund eine Gefährdung der Patientinnen angegeben. Nur wenige Tage später wurde dieser Lizenzentzug jedoch wieder aufgehoben, da sich “screening-gläubige” Patientinnen beschwerten. Und auch die KV erfand ein „öffentliches Interesse“ an der Fortsetzung des Screenings, das als höher einzustufen sei als die „möglicherweise für eine kurze Zeit gegebene Gefahr für Patienten“. Mit anderen Worten gesteht die KV ein, dass hier zwar (konkrete) Gefahren im Verzug sind, die sich aber einem (abstrakten) öffentlichen Interesse unterzuordnen haben.

Es ist auch interessant zu sehen, dass hier offenbar der Einspruch der Patienten eine Art Sofortwirkung hat, wenn es darum geht, schulmedizinische Prozeduren (gleichgültig wie gefährlich oder fragwürdig diese sind), am Leben zu erhalten. Stellen wir uns dagegen einmal vor, dass Homöopathie oder Akupunktur ähnlich fragwürdige und sogar gefährliche Ergebnisse zeigen würden. Wie schnell würden hier offizielle Stellen reagieren, um diese „gefährlichen alternativen Spinnereien“ auszubremsen und die gesamte Bevölkerung vor diesen zu schützen? Oder mit anderen Worten: “Alternative” Verfahren würden unter ähnlichen Umständen sofort verboten werden. Das heißt also, dass die Klagen der Süddeutschen keine grundlegenden Einwände gegen das Vorsorge-Screening darstellen, sondern hier nur das mangelhafte Management gerügt wird.

Auf der anderen Seite muss ich aber der Zeitung zugute halten, dass im ersten der drei erwähnten Artikel die allgemeinen Zweifel am Screening deutlich ausgesprochen werden. Unter der Unter-Überschrift „Erfolg des Screenings umstritten“ erwähnt das Blatt immerhin die Tatsache, dass „der Erfolg des 2005 bundesweit eingeführten Mammografie-Screenings unter Experten seit Jahren umstritten ist.

Im Zweifel für den Therapeuten

So wie die Situation jetzt aussieht, gibt es einige Zweifel an dem Gesamtkonzept des Mammografie-Screenings und gleichzeitig einige „schwarze Schafe“, die ihr Handwerk nachlässig ausführen und schlampig arbeiten. Das eine muss nicht notwendigerweise etwas mit dem anderen zu tun haben. Aber es ist doch erstaunlich, dass hier grundsätzliche Zweifel am Konzept und schlechte Ausführung noch immer nicht ausreichen, diesen ganzen Zirkus gründlich zu überdenken. Statt dessen wird über höchst zweifelhaft anmutende medizinische Praktiken ohne Lizenz hinweggesehen und das ganze Screening-Programm so weitergeführt, als wenn es seinen unterstellten Segensreichtum schon längst bewiesen hätte. Auf der Suche nach dem Grund dafür kommt uns die Süddeutsche ebenfalls segensreich zur Hilfe. Denn sie meint im zweiten Artikel, dass die „Brustkrebsdiagnostik – ein lukratives Geschäft“ sei.

Wenn man sich einmal die Zahlen in diesem Artikel anschaut, dann kann einem schwindelig werden. Zumindest wird mir spätestens hier klar, warum die Protagonisten des Mammografie-Screenings in diesem Verfahren einen Segen sehen. Es ist leider nicht der Segen für die Patientinnen, sondern der Segen des schnöden Mammons, der in ihre Taschen strömt. Denn laut Süddeutsche wurden in dem fraglichen Essener Diagnosezentrum jedes Jahr mehr als 30.000 Frauen untersucht. Für jede Untersuchung zahlten die Kassen 70 Euro. Das macht nach Adam Riese 2,1 Millionen Euro im Jahr. Wenn das kein segensreiches Argument ist! Und wenn dann jemand daher kommt und den Nutzen für den Patienten bestreitet, der handelt geschäftsschädigend. Während man unter anderen Umständen geschäftsschädigendes Verhalten zur Anzeige bringen kann, ist das im medizinischen Bereich etwas heikel. Denn hier sollte zumindest der Schein gewahrt bleiben, dass es um den Patienten geht und nicht ums Verdienen. Also müssen die fadenscheinigsten Argumente her, warum man mit dem Screening Leben retten kann, und gleichzeitig alle Schwachpunkte, die die positiven Merkmale bei weitem überragen, ausblenden, totschweigen, abstreiten und so weiter.

Schweizer Zweifel oder Zweifel an der Schweiz?

Da bekannterweise in der Schweiz die Uhren anders gehen, gibt es jetzt Grund zu der Annahme, dass auch auf diesem Gebiet die Uhren anders ticken. Denn im letzten Jahr haben die Schweizer Gesundheitsbehörden begonnen, das Mammografie-Screening einer gründlichen Prüfung zu unterziehen. Die dabei gewonnenen Ergebnisse waren für die Schulmedizin nicht berauschend. Man sprach davon, dass die Ergebnisse mehr und mehr Grund zur Sorge seien. Denn die Ergebnisse konnten das allgemein verbreitete Bild einer effektiven Vorsorgeuntersuchung mit hohem Sicherheitsanspruch nicht bestätigen. Eine erste zusammenfassende Veröffentlichung gibt es im Internet seit Dezember 2013 unter:  medical-board.ch/fileadmin/docs/public/mb/Fachberichte/2013-12-15_Bericht_Mammographie_Final_Kurzfassung_e.pdf.

Hier gibt es ein paar interessante Zahlen zu lesen. So meinen die Schweizer, dass von 1000 untersuchten Frauen 1 bis 2 weniger an Brustkrebs sterben als von 1000 nicht untersuchten Frauen. Das würde auch ich als Argument für eine Vorsorgeuntersuchung gelten lassen. Aber – und jetzt kommt die Seite, die so gerne verschwiegen wird, da sie geschäftsschädigend ist: von 1000 untersuchten Frauen bekommen 100 (einhundert!) falsche Diagnosen mit auf den Weg nach Hause. Diese Fehldiagnosen führen dann in der Folge zu weiteren Untersuchungen und zu einem nicht geringen Teil zu vollkommen unnötigen Behandlungen. Die Schweizer sehen hier das Problem von unnötigen zusätzlichen Kosten. Ich sehe hier mehr das Problem, dass unnötige Behandlungen, Fehldiagnosen und der damit verbundene psychische Stress möglicherweise Leben kosten oder zumindest gesundheitliche Schäden hinterlassen kann. Untersuchungen zu dieser Frage? Fehlanzeige, so viel ich weiß.

Immerhin beschlossen die Schweizer, dass eine systematische Vorsorgeuntersuchung nicht zu empfehlen ist. Bestehende Programme werden wohl im Laufe der Zeit in der Schweiz „ausgemustert“ werden, beziehungsweise werden „auf Herz und Nieren“ geprüft, ob sie in der Praxis das halten, was sie am grünen Tisch vollmundig versprechen. Das hört sich doch mal ganz „evidenzbasiert“ an. Die Vertreter der Schulmedizin sollten hier hellauf begeistert sein, oder?

Was ist die Alternative zur Vorsorgeuntersuchung?

Es ist auch immer wieder zu betonen, dass eine Früherkennung nichts mit Prävention zu tun hat. Damit ist die Vorsorgeuntersuchung kein Mittel um Krebs zu verhindern. Aber die Verhinderung, die Prävention ist doch das, was für die Patienten von morgen interessant ist, damit sie eben keine Patienten werden, weder von morgen, noch von übermorgen. Aber auch dieser Gedanke ist reichlich geschäftsschädigend. Denn, wer keine Krankheit an sich heran lässt, der wird auch nicht zum zahlenden Kunden der Ärzteschaft.

Hier ein paar “geschäftsschädigende” alternative Vorschläge zur Prävention gegen Brustkrebs (ohne Anspruch auf Vollständigkeit, aber / und bedingt übertragbar auf andere Krebserkrankungen):

  • Vermeidung von Zucker, speziell Fruktose, und Fertiggerichten.
  • Vitamin-D-Spiegel optimieren – optimale Spiegel liegen zwischen 70 und 100 ng/ml.
  • Einschränkung der Eiweißaufnahme – 40 bis 70 Gramm pro Tag sind ausreichend.
  • Vermeidung von unfermentierten Sojaprodukten – die enthalten Phytoöstrogene, die die Tumorbildung unterstützen.
  • Verbesserung von Insulin- und Leptinsensibilität – durch die Vermeidung von (siehe oben) Zucker und Getreideprodukten. Ballaststoffreiche Kost und körperliche Aktivitäten sind hier ebenfalls mehr als hilfreich.
  • Optimales Körpergewicht und Abbau von Übergewicht durch eine ausgewogene Ernährung und körperliche Bewegung.
  • Omega-3-Fettsäuren täglich in ausreichender Menge.
  • Keine Genussgifte, wie Nikotin, Alkohol oder Drogen
  • Vermeidung von künstlichen Hormonen in der Hormonersatztherapie, besonders wenn ein erhöhtes Risiko für Brustkrebs vorliegt. Falls eine Hormonersatztherapie unumgänglich ist, dann sollten naturidentische beziehungsweise biologische Hormone zum Einsatz kommen.
  • Jodmangel kann auch zur Entwicklung von Brustkrebs beitragen.

Fazit

Warum genau die Vorsorgeuntersuchungen alles andere sind als ein geeignetes Instrument zur Bekämpfung und Vermeidung von Brustkrebs, das habe ich unter Mammografie-Untersuchungen fragwürdig“ ausführlich diskutiert. Es erscheint mir fast so, als wenn die Schweizer diesen Artikel gelesen und sich zu Herzen genommen hätten. Für mich ist es ein großer Hoffnungsfunke, dass in dem kleinen Alpenland (wo wir sonst nur die “bösen” Geldhäuser wähnen), die Gesundheit der Menschen in diesem Segment doch noch mehr zu sagen hat als das Geschäft, was mit dieser zu machen ist.


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